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Plejades - Honey Winters Tagebuch
Die Menschheit hat längst den Weg zu den Sternen gefunden. Neue Welten sind besiedelt, aber Wirtschaft und Verkehr zwischen der Erde und ihren Kolonien liegen ausschliesslich in den Händen weniger irdischer Grosskonzerne. Natürlich mangelt es nicht an Versuchen, im Outback der Galaxie unabhängige Gemeinschaften aufzubauen. Doch wer seine Produkte auf den lukrativen irdischen Markt bringen will, bekommt Probleme ...
was vorher geschah:2. Honey Winters Tagebuch: Weitere ÜberraschungenDie Steine unter meinen Füssen waren heiss genug, um darauf Spiegeleier zu braten. Ich merkte es selbst durch die dicken Sohlen, aber wenigstens musste ich nicht lange warten. Das Taxi kam nach exakt vierzig Sekunden angeflogen. Es drehte über mir eine heulende Schleife und ich dachte noch, dass Flugtaxies ja wohl für Notfälle vorgesehen waren, und ob es wirklich für mich sei. Doch da niemand ausser mir erschien, stieg ich eben ein. Das war ein Fehler. Ich purzelte rückwärts in den Passagiersitz, denn ich war nicht auf einen Raketenstart gefasst. Der Autopilot jagte das Taxi fast senkrecht in den Himmel. Ich sah den ganzen schiefen Teller der Stadt unter mir fallen, Pizza con strata, auf der einen Seite mit einem hübschen - immerhin durchschnittlich 6000 Meter hohen - Gebirgsrand gegen die Antarktis dieser Welt geschützt. Dann kippte das Taxi in die Horizontale und drehte Richtung Abbruchkante, wo das Plateau abrupt an der Halbmond-Klippe endet und vierhundert Meter tiefer das beginnt, was Plejadesleute reichlich irreführend das flache Land nennen. Dabei ist es alles andere als das. Vor mir lagen Hügel, blinkende Seen, und ganz fern am Horizont die Nebelberge. Sie sind eine schlimme Waschküche aus hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, alle Piloten umgehen sie - bis auf den Alten, der natürlich auch dort schon war. Aber Gott sei Dank nicht mit mir. Ich war gerade so weit gekommen, für mich selbst zu lachen, weil ich mich erinnerte, dass der Alte behauptet hatte, man könne dort direkt neben einem Saurier stehen, ohne es zu merken, was ich mir denn doch nicht ganz vorstellen konnte - da schoss der Autopilot mit dem Taxi über die Abbruchkante hinaus und stellte uns auf den Kopf. Sturzflug nach unten, bis sehr, sehr weit nach unten, bis knapp über die Baumwipfel. Ich klammerte mich an meinen Sitz und betete die Grundregel, die alle Fluganfänger eingebleut bekommen: Nie, nie kritische Flugbahnen ohne Computerunterstützung! Es sind schon eine Menge Leute abgestürzt, weil sie in solchen oder ähnlichen Situationen den Autopiloten abgeschaltet haben, und vor den tückischen Fallwinden über dem Plateau hatte sogar der Alte Respekt. Trotzdem war ich erleichtert, als das Taxi wieder brav hochzog und zur Abwechslung mit mir einfach geradeaus Richtung Stadtzentrum und Verwaltungsgebäude flog. Eine Weile ging auch alles gut. Aber danach setzte es zur Landung an und ich verwünschte den Programmierer, der die Sicherheitstoleranzen für Höhe über Grund und Minimallänge der Landbahn bis zum letzten ausgereizt hatte, las - ungläubig - die Geschwindigkeit, merkte, dass die Verbindung zwischen Autopilot und Zentralcomputer tot war - und zerrte die Sicherung des Handsteuers heraus. Ich kam gerade noch um die Kurve vor der nächsten Felswand, dann knallte ich auf. Das Taxi bockte hoch, schlitterte und stellte sich quer, Metall kreischte. Es gab einem mörderischen Ruck. Ich hing im Sicherheitsgurt und plötzlich war es still. Auf dem Display stand: Leider ist das Verkehrsleitsystem der Stadt seit 14:30
Ortszeit unterbrochen. Wir bitten alle Passagiere den Autopiloten auf Oberflächenbewegung zu schalten oder in Selbststeuerung zu fahren.
Prima!
Danach muss ich wohl nach draussen gekrabbelt sein. Jedenfalls
fand ich mich im Freien wieder. Völlig desorientiert, und ein bisschen
wütend. Weit und breit war niemand zu sehen. Ich wusste nicht, was
ich tun sollte. Aber ich musste das auch nicht entscheiden. Mitten durch
die Sonne kam in aller Ruhe ein junger Mann auf mich zu.
Klassisch gebaut, schwarze Locken, milchweisse Haut, ein
Gesicht wie ein Gott.
Natürlich war ich gar nicht gut bei Nerven. Ich war
sogar so verdreht, dass ich dachte:
Aber der Erzengel bedachte mich und das ruinierte Taxi
nur mit einem kurzen Blick und ging dann zur Tagesordnung über.
»Schön, dass du da bist«, sagte er, »komm mit, die Präsidentin
wartet schon auf dich.«
Ich war noch immer so baff, dass ich ihm ohne Widerspruch
folgte.
Wir gingen um den Platz, nicht durch die Sonne
und allmählich kam mir die Umgebung vertraut vor. Ich schämte
mich vor mir selbst, denn als ich hinter dem Erzengel durch die Seitentür
ging, erkannte ich den Innengang sofort. Ich war um 90 Grad verdreht gelandet,
aber direkt vor der Verwaltung. Peinlich!
Drinnen war es kühl, und das Büro der Präsidentin
war leer. Ich wollte den Erzengel noch fragen, wie es jetzt weiterging.
Aber als ich mich umdrehte, war er schon verschwunden.
Das gab mir Zeit, mich ein wenig umzusehen.
Nicht, dass sich viel verändert hatte. Die Produktpalette
von Plejades kannte ich noch aus meiner Zeit als Pilotin. Der Alte will
nicht, dass sich seine Crews unterwegs langweilen; immerhin dauern die
Flüge nach Reno eine Woche. Ich hatte nicht zuletzt deshalb aufgehört,
weil ich genug davon gehabt hatte, ständig Textilien, Kosmetika oder
Feinkost in die jeweils bestellten Verkaufseinheiten umzupacken.
Ein Teil im Büro der Präsidentin allerdings
war mir neu. Zuerst hielt ich es für eine Art gewebten Spiegel, denn
es glänzte und es gab mein Bild fast ohne Verzerrung wieder, obwohl
die Kanten fransten. Aber dann, als das Gewebe zwischen meinen Händen
Körperwärme annahm, fing es an orangerot zu glühen.
Ich war so fasziniert, dass ich die aufgleitende Tür
völlig überhörte und fast zu Tode erschrak, als mich die
Präsidentin ansprach.
»Ah«, sagte sie, »du hast es schon entdeckt.«
Manche Frauen schaffen es vermutlich selbst nach einer
Atomexplosion auszusehen, wie aus dem Ei gepellt. Mirja Terescu gehört
dazu. Die Präsidentin war perfekt frisiert, perfekt gekleidet,
und nett und freundlich, wie immer. Nur ihre Worte waren es nicht.
»Honey«, sagte sie, »es tut mir leid. Aber du musst für
uns zur Erde fliegen.«
Ich sagte erst einmal gar nichts.
Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich meine Heimatwelt
vor knapp vier Jahren fluchtartig verlassen hatte, den irdischen Zoll auf
den Fersen, wusste sie. Dass ich von der Aussicht nicht begeistert war,
diesen höflichen Damen und Herren wieder in die Arme zu laufen, konnte
sie sich denken. Mirja erklärte mir den Plan des Alten trotzdem.
In zwei Sätzen ausgedrückt ging es um folgendes:
Die Textilgruppe hatte Asadorium entwickelt, ein neuartiges
Mischgewebe mit spiegelnden wie thermolumineszenten Eigenschaften. Seidenweich
und atmungsaktiv, fing bei 35 Grad an zu leuchten.
»Du hast es noch in der Hand«, sagte Mirja.
Ich legte das schimmernde Teil schleunigst weg.
Die Plejades-Gruppe hatte sich hohe Gewinne davon versprochen,
und Asadorium in Lizenz an einen irdischen Händler verkauft.
»Und hat es geklappt?« fragte ich.
»Das ist das Problem«, sagte die Präsidentin.
Der Alte hatte Asadorium vor achtzehn Monaten auf den
irdischen Markt gebracht.
»Vor einem Monat sind auf Reno die ersten Touristen aufgetaucht,
die Kleidungsstücke aus Asadorium trugen«, sagte Mirja, »wir wissen
also, dass es im Handel ist. Wir kennen sogar die Preise auf der Erde.
Aber wir haben keinen Kontakt mit unserem Partner.«
»Mirja, da hat man euch beschissen«, sagte ich.
»Darum wollen wir nachsehen«, sagte sie.
Der Alte plante, eine Showgruppe zur Erde zu fliegen.
»Ein Charterflug«, sagte die Präsidentin, »die Rainbows
sind von einem der grossen Unterhaltungsnetze eingeladen worden. Für
uns ist das genau die richtige Tarnung. Du wirst sie als Captain der Rainbow
Glory hinfliegen. Mehr brauchst du nicht zu tun. Wir kümmern uns um
den Rest.« |
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