Plejades


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Die Braut von Montalban

Die Jungfrauen der ewigen See hatten Don Rodericks Tochter nicht aufnehmen können. Lebte doch in ihrer Verbannung die Königin mit ihnen. Sie den Hüterinnen der Flamme zu geben, verbot sich von selbst. Wirklich konnte der Herr der Stadt den Heiligen Frauen nicht gut das Kind einer Kebse anvertrauen, die immerhin als Hexe verbrannt worden war, wenn auch unschuldig. So war Donna Flor bis in ihr fünfzehntes Jahr von dem gelehrten Kaufmann Palo erzogen worden, und seitdem dem Infanten von Montalban anverlobt.

Die Verhandlungen der Ehe hatten sich den ganzen heissen Sommer lang hingezogen. Endlich zu Mittwinter war die Mitgift zu aller Seiten Zufriedenheit ausgeredet, war des Prinzen Tochter linker Hand auf dem Weg zu ihrem Gemahl. Aber der Morgen war kalt und die Fuhrleute murrten, als die Versprochene Herrin von Montalban schon unterhalb der Burg vor dem Haus des Kaufmanns die Hand hob.

Haltet an, Ihr Fuhrleute, sprach die junge Braut und stieg von ihrem Zelter, auf daß mich der Meister in meinem Glück sehe. Ich will dem guten Lehrer ein letztes Lebewohl sagen.

Allein, der Majordomo, von seinem Herrn ausgeschickt die Infantin heimzuholen nach Montalban, schüttelte den Kopf.

Lasst gut sein, Madonna, sagte der Haushofmeister, das Gesicht höfisch abgewandt, dafür ist nicht Zeit. Wir müssen noch heute zur Furt. Auch schickt es sich nicht mehr für Euch in Eurem neuen Stand, dass Fremde und vorzüglich Männer Euer Gesicht sehen. Vergesst Euren Lehrer. Weint besser um Eure Tugend. Wird sie Euch doch bald im Sturm von unserem Herrn genommen werden.

Der Haushofmeister hiess der Kammerfrau absteigen, und der Versprochenen Braut zurück in den Sattel helfen. Durften sie doch nur ihre Frauen besorgen, ehe ihr Gemahl sie nicht erkannt. Die Kammerfrau war rot im Gesicht, Donna Flor hingegen blass wie der Wintermorgen, als der Zug wieder aufbrach. Hinten im Tross schwatzten die Mägde.

Habt ihrs gesehen? sagte die Eine, die Bäume im Hof des Kaufmanns stehen winterkahl. Dennoch tanzten Schatten wie von Blättern an der Hauswand. Sie stand dort in den Schatten, ganz ohne Zweifel.

Das mag wohl sein, antwortete ihr eine Andere, weisst du nicht, wer gestern Nacht bei dem Alten gewesen? Wüsste sie es nur, die Hexentochter.

Schweigt besser davon, sagte die Dritte.

Im Haus lag der alte Palo auf den Tod. Er war in Wahrheit Donna Flors eigener Großvater, dem freilich bei Strafe des Leibes und Lebens verboten worden war, der königlichen Enkelin je das Geheimnis ihrer Herkunft von Mutterseite zu entdecken. Der Kaufmann hatte dem Gebot seines Herrn gehorcht. Wohl wissend, daß wer immer die Augen zu einer Jungfrau aus dem Hause Don Rodericks erhob, dafür die gerechte Strafe der Königin erleiden musste. In der Nacht von Donna Flors Verlobung hatten die Schergen das Werkzeug des Henkers in das Haus am Marktplatz getragen, hatten den alten Palo auf seinem Bett geblendet und entmannt.

Allein, die Versprochene Braut von Montalban ahnte davon nichts. Donna Flor sah die Schatten nicht. Sie ritt den Kopf stolz erhoben durch das Flusstor, und aus der Stadt. Einsam war ihr Weg über die Felder, einsam der Fluß. Schäumend toste er neben der Uferstraße. Winterregen hatten den Weg ausgewaschen.

Steigt lieber ab, Madonna, sprach darum bald der Haushofmeister, nicht, dass Euer Pferd fehltrete. Zu teuer seid Ihr, Versprochene Braut von Montalban, als dass ich meinem Herrn ohne Euch vor Augen treten dürfte.

Der Weisse geht sicher, sagte Donna Flor, doch gleichviel. Wie ihr wollt.

Der Majordomo bat die Linke Tochter hinter sich, in den Tross zu den Mägden. Dort schritt die Versprochene Braut sicher aus. Die Mägde hinter den Wagen flüsterten.

Ich meine, jetzt folgt uns auch noch der Alte, sagte die Eine, die Schatten werden dichter, hier unter den Bäumen am Fluss.

Ach was, sagte wiederum die Andere, was gilt das uns! Mögen sie Hexentochter holen, wenn sie wollen! 

Hüte deine Zunge, Mädchen, sagte die Dritte und die Mägde verstummten.

Hatte doch keine Don Rodericks Strafgericht über Sela vergessen, die ihre lose Zunge an der Herkunft der Tochter Linker Hand gewetzt. Geschrien und geheult hatte Sela, auf dem ganzen Weg durch die Stadt, obwohl ihr der Henker im Hof der Mädge zuerst vor Aller Augen die Zunge herausgeschnitten und sie dann an Brüsten und Scham gebranntmarkt hatte, bevor er sie nackt und blutend ins Hurenhaus geführt, unterhalb der Mauer dicht am Fluss.

Donna Flor achtete der Reden nicht. Sie sah nicht, wie sich hinter den Wagen Schatten sammelten. Nicht, wie die vorwitzige Magd strauchelte. Doch hörte sie die Unglückliche schreien. Aufspritzend versank sie im Fluss.

Werft Seile, Ihr Fuhrleute, befahl da die junge Braut, auf dass die Arme sich rette. Noch schwimmen die Röcke ihr oben!

Einmal schien es, als könne die Ertrinkende das Seil greifen. Allein, das Ufer gewann sie nicht. Dort, wo die Wasser donnernd in die Klamm eintraten, die Strasse den Weg über die Hügel nahm, verschlang sie der Fluss.

Drei Wegstunden später fand der Kundschafter die Tote im seichten Teich der Furt. Zweimal gebrochen hatte der Mahlstrom der Magd das Rückrat. Kopf und Hüften lagen verrenkt.

Lasst mich die Totenklage für sie hersagen, bat Donna Flor.

Doch der Majordomo schüttelte den Kopf.

Madonna, dafür ist nicht Zeit, sagte der Haushofmeister, schon stehen auf der anderen Seite der Furt die Fuhrleute Eures Gatten bereit, abzulösen die Diener Eures Vaters.

Und überdies eine Magd! sagte die Kammerfrau.

Traurig ritt Donna Flor durch den Fluß. Traurig dankte sie dem jungen Fuhrknecht, der ihren Zelter am Zügel hindurchgeführt. Freundliche Augen hatte er, lachend sah er sie an. Die linke Tochter band versonnen den Schleier neu. Hatte sie doch noch nie ein Mann auf diese Weise angesehen.

Dass sie ihn hinter ihr seitwärts führten, merkte sie nicht. Aber sie hörte wohl den Schrei von unten am Fluss. wo ihn die Fuhrmeister an einem Baum gebunden. Später zeigte ihr der Schinder die Augäpfel. Ums Gemächt stritten nahebei die Hunde.

Warum tatet Ihr ihm dies? fragte die Versprochene Braut.

Wie? sagte die Kammerfrau erstaunt, war es nicht Euer Wille? Oder warum sonst hättet Ihr den Schleier vor ihm fallen lassen!

Aber Donna Flor sah die Augen der Zofe glitzern. Don Rodericks Tochter fragte nicht mehr. Die Versprochene Braut von Montalban hielt fortan ihr Gesicht verborgen hinter dem Schleier vor Jedermann, ritt stumm bis zum Abend. Der Himmel war rot, als der Zug der Braut die Waldgrenze erreichte. Dort liess der Majordomo anhalten.

Hört, Madonna, die Botschaft Eures Vater, sprach der Haushofmeister von Montalban, solches wünscht der Prinz: möge meine Tochter Linker Hand Donna Flor an der Waldgrenze Kleid und Schleier tauschen mit der Kaummerfrau. Auf dass sie unerkannt reise durch das Reich des Sultans. Der Brautzug biege derweil nach Osten.

Streit hatte die Königin mit dem Sultan. Nicht um freies Geleit für die einzige Tochter bitten lassen hatte sie den Prinzen, ihren Gemahl. Deshalb legte die Versprochene Braut von Montalban Schmuck und Schleier ab, und die Zofe stieg aus ihren Röcken. 

Nun noch Euer Ross, sagte zuletzt die Kammerfrau, auf daß sich die Täuschung vollende.

Allein, der Weisse wollte die falsche Braut nicht tragen. So ritt Donna Flor auf dem Zelter in die Nacht hinein. Finster war es dort im Wald, und still. Immer öfter sah die Zofe sich um.

Oheim, sind wir noch nicht bald an der Brücke? fragte die Kammerfrau, unheimlich ist es unter den Bäumen. Auch folgen uns Schatten. Immer stehen sie zwei Schritte hinter uns, zwei Männer und eine Frau, wenn ich mich wende.

Nichte, das bildet Ihr Euch ein, sagte der Haushofmeister, dort vor uns liegt schon die Schlucht und auf der anderen Seite steht Haus Montalban. Seht ihr nicht den Feuerschein, jenseits der Brücke?

Rot und Golden wehte die Standarte des Infanten über dem Abgrund. Der junge Herr war mit Kavalieren und Knechten zur Jagd aufgebrochen. Gekommen, schon vor der Hochzeit heimlich zu sehen seine Braut. 

Ist sie das, süsse Base? fragte der Infant die Kammerfrau, stieg vom Pferd und fasste Donna Flor am Kinn.

Öffentlich vollzogen werden muß die Ehe, ihr Herren seid mir Zeugen. Schreiten wir also zur Tat!

Sprachs, führte die Linke Tochter zum Feuer und hob ihr ohne Umschweife von hinten den Rock.

Wohlbehütet erzogen worden war Donna Flor, doch nicht unwissend. Sie hatte gesehen, wie man die Kuh zum Stier geführt. Wusste, was das Gesinde zu Paaren trieb ins Heu. Dass sie der Infant von Montalban aber nahm, wie es manche Knechte untereinander taten, oder der Sieger im Krieg oft zur Schmach dem Besiegten, machte sie vor Schmerz und mehr noch Empörung stumm. 

Nun, sagte der Infant kurz darauf, sich säubernd an Donna Flors Rock, damit gehört die Mitgift rechtens mir.

Danach stiess er die Linke Tochter grob von sich, und lachte, als sie fiel. Schatten wuchsen über dem Feuer. Wind klang wie Klagen durch die Nacht. Donna Flor sass im Staub. Haushofmeister und Kavaliere sahen sie nicht an. 

Nun gut, sagte schliesslich der Infant, wandte sich zu seinem Jagdmeister, nimm einen Gehilfen. Führt mir die Metze zurück in den Wald. Dort mögt ihr sie nach eurer Laune gebrauchen. Aber dann tut sie ab, bringt mir Zopf, Herz und Leber. Schicklich trauern werde ich um den herben Verlust. Hat mir die Jungfer doch wenigstens etwas Vergnügen bereitet! 

Und damit spuckte der Infant Donna Flor vom Pferd herab noch in den Schoss. 

Wie, sagte die Kammerfrau, du hattest mir sie als Magd versprochen!

Das kann nicht sein, liebes Herz, sagte der Infant, Rache zu nehmen für die Verbannung schwor ich meiner Schwester, der Königin. Und geschehen ists. Aber auch wenn sie, die mir als Gattin zugeschworen, nicht im rechten Bett geboren, so ist der Prinz doch von edlerem Blut als du. Immerhin magst du heute Nacht ihre Pflichten noch auf dich nehmen in meinem Bett. 

So lernte Donna Flor das hässliche Gesicht dessen kennen, der ihr zum Gemahl bestimmt. Dass sie der Jagdmeister am Rock über die Brücke zurück in den Wald des Sultans zog, merkte sie kaum. Auch als er ihr den Zopf schnitt, wehrte sie ihm nicht.

Willst du sie zuerst? fragte derweil der Jagdgehilfe, stieg lüstern schon aus Wams und Hose, wenn nicht, dann will ich. Gibt uns der Herr doch kaum noch einmal solche Freiheit!

Du redest, wie du es verstehst, sagte der Jagdmeister, stiess dem Gehilfen das Messer in den Bauch und schlitzte ihn bis zur Kehle auf. Der sank ohne Laut.

Schlecht beraten war mein Herr, dass er der Königin, seiner Schwester, gehorcht und Don Roderick diesen üblen Streich gespielt. Krieg wird es geben zwischen der Stadt und Montalban.

Ist das so? fragte zitternd Donna Flor, aber was wird aus mir?

Einerlei, sagte der Jagdaufseher, folgen kann die Frau mir nicht. Aber man sagt, dass der Sultan zu jungen Männern freundlich.

Ich sehe, was du meinst, sagte die Linke Tochter, vergelten kann ich es dir jetzt nicht. Doch danke ich dir mein Leben. 

Danke die Frau mir nicht, sagte der Jagdmeister, so oder so wird es viele den Kopf kosten. Und zu vörderst mich. 

Den Toten zog er noch ins Dickicht.

Die linke Tochter wartete eine Weile. Dann stieg Donna Flor aus Zofenkleid, nahm Hose und Wams des Jagdgehilfen. Aber zuerst sagte sie die Totenklage. Für die tote Magd und für den Fuhrknecht, auch für den Jagdgehilfen. Zuletzt für sich selbst.

Den nächsten Tag irrte sie durch den Wald. Weglos war er und kalt. Als die Nacht kam, fanden sie des Sultans Späher.

Die Farben von Montalban trägt er, meldeten sie ihrem Herrn, aber jung ist er und hübsch. Blond, ohne Bartflaum, fast noch ein Knabe.

Da gefiel es dem Herrn der Nacht, den Fremden zu sich holen zu lassen. Neue Kleider hatte man dem Gast hingelegt, zubereitet ein Bad. Aber als die Diener dem falschen Jagdgehilfen Wams und Hose abforderten, weigerte sich Donna Flor.

Wie? sagte der Bademeister, behält man etwa das Hemd an auf Montalban, sogar noch im Bad? Schüchtern bist du Junge, wie eine Jungfrau!

Das hörte der Henker, der gerade vorbeikam. Schärfere Augen hatte dieser Schinder, als mancher ehrliche Mann. Er packte Don Rodericks Tochter linker Hand im Genick, führte sie so vor den Thron des Sultans. 

Wen bringst du mir da, Scharfrichter? fragte der Herr der Nacht. 

Nackt erlitten Übeltäter von der Hand des Nachrichters Folter und Tod, und entkleidet war Donna Flor, eh sie es gedacht. Unerbittlich untersuchten sie die Finger des Henkers. Doch tat er ihr nicht weh.

Ein unschuldig Mädchen also, sagte der Herr der Nacht, erzähle mir deine Geschichte Kind, damit ich ahne, wer zu mir da kam. 

Und der Sultan wickelte Donna Flor in seinen Mantel, derweil sie sprach. 

So steht es also, sagte der Herr der Nacht, nachdem die Tochter Don Rodericks geendet.

Nur wundern kanns mich leider nicht. In sein Bett geholt hat der Prinz deine Mutter, nachdem in sieben Jahren unfruchtbar geblieben die Königin. Und geboren hat ihm die Kaufmannstochter dich. Erbin bist du der Stadt nach dem Prinzen und Herrin von Montalban. Jedoch um beides und doppelt betrogen, da dich der Infant nicht in Wahrheit als sein Weib erkannt. Aber sorge dich nicht.

Süssen Wein gab der Sultan Donna Flor, duftende Kräuter legte er ins Feuer.

Sieh in die Zukunft, sagte der Herr der Nacht und die linke Tochter sah Schatten tanzen an der Wand.

Sah den Prinzen der falschen Braut den Schleier vom Antlitz reissen.

Sah den Brautvater den Bräutigam am Hals ergreifen.

Einer von Beiden wird den Kampf nicht überleben, und der Andere wird lahm, so sprach der Sultan,

betrogen bist du, aber noch betrügen kannst du den Betrüger.

Aber wie? fragte sie.

Helfen will ich dir, antwortete der Herr der Nacht, trink, Liebe, dies. Und schlafe süss.

Sieben Nächte, so schien es Donna Flor, schlief sie im Palast.

Sieben Monde waren es indes.

In ihrer Verbannung bei den Jungfern der See trauerte als Witwe des Prinzen die Königin. Den Heiligen Frauen bei der ewigen Flamme übergeben lag stumm, vom Hals abwärts lahm, der Infant von Montalban. Hoffnung gab dem Volk allein seine Gemahlin, Donna Flor.

Im siebten Monat schwanger ging die Erbin der Stadt, die Herrin von Montalban.

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