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Ein Einhorn für die Königin |
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| Im Schatten der Hecken lag hier und dort noch Schnee.
Aber mittags ging die Luft schon lau und draussen auf den Äckern vor
dem Dorf hatten die Männer angefangen, das geweihte Feld zu
eggen. Nur noch ein paar Tage, dann ritt der König über Land.
Der Winter war lang und hart gewesen. In den Spinnstuben machten grässliche Geschichten die Runde, wie zum Beispiel die, dass der Müller von unten am Fluss zu Mittwinter über den Pass gegangen sei, im Andertal Schwester und Schwager zu besuchen. Dass er im Schneesturm wohl den Weg verloren habe, und dass die Wölfe dem Toten schon das ganze Fleisch von den Beinen gefressen hätten, als ihn der Schnee nach Wochen endlich freigegeben habe. »Bis auf die Knochen abgenagt«, wie die alte Babett von ihrer Tochter im Unterdorf wusste, deren Kleinmagd am Tag nachher zufällig in der Mühle gewesen war und alle Einzelheiten brühwarm vom Mühlknecht gehört und sofort ihrer Bäuerin weitererzählt hatte. Vielleicht stimmten sie, vielleicht aber auch nicht. Die Leute im Dorf verliessen den Bannkreis ihrer Gehöfte selten und der junge Müller war ein Schwätzer. Im Tal lag der Schnee in keinem Jahr mehr als kniehoch, ausserdem gehörte es zu den Pflichten des Wirts, im Winter dreimal des Tags die Wege rund um das Dorf abzuschreiten und laut zu rufen, einen langen Stab in der einen Hand und einen Krug vom besten Wein in der anderen, falls Jemand Hilfe und Erquickung nötig hatte. Dies tat der Wirt gewissenhaft, auf Geheiss des Königs und umso lieber, weil er den Wein, wenn er nicht zum eigentlichen Zweck nötig gewesen war, selbst verbrauchen durfte. Nur einmal in all den Jahren, seit der Wirt seinem Vater im Amt gefolgt war, hatte der Wein tatsächlich einen Verschmachtenden gelabt. Der fremde Reisende, ein doppelt armer Kaufmann, dem Räuber nicht nur die Waren genommen hatten, sondern auch Weib und Kind, war jedoch trotz aller Fürsorge des Wirts nach drei Tagen an seinen Wunden gestorben. Aber das war jetzt auch schon wieder eine alte Geschichte, die in der Spinnstube eigentlich nur noch aufgewärmt wurde, wenn Blonde in der Küche half und sicher war, dass sie eine Weile nicht wiederkam. Dann steckten die Frauen schnell die Köpfe zusammen, und erzählten denen, die es vielleicht doch noch nicht wussten, wie Niemandskind als kleines Mädchen genau an dem Tag mutterseelenallein auf der grossen Wüstung mitten im Wald gefunden worden war, als sie den Kaufmann am Rand des geweihten Feldes begraben hatten. Kreisrund waren die Wälle in der Wüstung, wie abgemessen, und nicht ganz geheuer. Im Dorf ging die Sage, an der Stelle der Wüstung habe einst ein stolzes Geschlecht auf seiner Burg herrlich und in Freuden gelebt, sei jedoch zuletzt für seinem Hochmut vom Antlitz der Erde getilgt worden. Angeblich konnte man in der Asche innerhalb des Kreises immer noch Goldmünzen finden, weshalb die vorwitzigeren unter den Hütebuben ihre Tiere an hellen Tagen manchmal dorthin führten. Aber das Vieh mochte das dünne Gras auf den Wällen nicht gern fressen, und schnaubte entsetzt nach den Schwefelblumen. Auch ging kein junger Baum auf der Kahlfläche an, obwohl es die Männer oft genug versucht hatten. Die blonde Kleine, die sie am Rand dieses verfluchten Ortes entdeckt hatten, war jedenfalls trotz ihrer reichen Kleider unversehrt gewesen und nur ein bißchen schmutzig, seltsam genug, denn es war Gesindel in der Gegend. Aber sie hatte keine rechte Antwort geben können, als die Bauern sie nach dem Woher und Wohin gefragt hatten, und so hatte sich zuletzt der Mitleidigste ein Herz genommen und das Kind mit ins Dort gebracht, wo es freilich keine Frau unter ihrem Dach dulden wollte. Der Wirt hatte Blonde Niemandskind schliesslich aufgenommen, aus Barmherzigkeit, wie er immer wieder sagte. Aber er hatte keine Reichtümer zu verschenken, und als das Zehrgeld aufgebraucht war, das er aus dem Verkauf der Kleider der Kleinen erlöst hatte, hatte die Wirtin Blonde Gänse hüten geschickt. Und Sommers wie im Winter musste sie spinnen. »Spinnen am Morgen, Kummer und Sorgen.«
Diesen alten Spruch sangen die Töchter der Bauern, die nur zum Vergnügen spannen, und auch nur im Winter in der Spinnstube, so oft sie Niemandskinds und ihrer Spindel im Dorf ansichtig wurden. »Seht die Jungfer Blonde hat keinen Bräutigam.
Rechne uns doch aus, wieviele Docken Flachs du noch spinnen musst, bis
du eine Mitgift zusammen hast!
Aber Blonde nahm sich den Spott nie zu Herzen. Der Wirt hatte sie schreiben und rechnen gelehrt, was im Dorf sonst keine der Frauen konnte, das alte Kräuterweib vielleicht ausgenommen, mit der Begründung, dass Blonde ihm das Briefschreiben für die Bauern abnehmen solle. Und als Die darüber murrten, hatte er gesagt, man wisse ja nie. Gut möglich, dass der Wirt Gründe hatte. Er wusste im Allgemeinen mehr, als er sagte. Manchmal um den Neumond, wenn die Nächte besonders dunkel waren, fanden sich im Haus seltsame Gäste, die ihre Gespräche mit dem Wirt abbrachen, sobald einer der Bauern dazu geriet, und oft genug kamen und gingen diese ehrbaren Männer durch einen den Bauern nur dem Hörensagen nach bekannten Gang, der angeblich vom Keller des Wirtshauses hinauf in den Wald führen sollte. Aber das mochte sein, wie es nun wollte. Der Wirt schenkte weit und breit den besten Schnaps aus, wie ihn sonst nur Edelleute tranken, und er geizte auch nicht damit, selbst wenn er als Bezahlung für einen Becher nur Neuigkeiten aus der Stadt bekam. Das Dorf am Pass war das erste, in das die Bauern aus dem Andertal und von den Waldhöfen kamen, wo man sich wenig um Steuern und Könige scherte, und das letzte, in dem immer um die Zeit der Feldbestellung der Umritt stattfand. Denn der König war alt. Der Feldsegen brauchte jedes Jahr länger für die Reise in diese fernste Gegend des Reiches, und auch wenn das niemand laut zu sagen wagte, die Männer im Dorf fürchteten schon lange, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr würde kommen können. »Und was wird dann aus der Saat?« fragten die Bauern einander im Wirtshaus. Der Scherenschleifer hatte beunruhigende Kunde von der Landstrasse mitgebracht. Er hatte von anderen Fahrenden gehört, dass die Barone zu Mittwinter in der Königsburg zusammengekommen waren, um einen aus ihrem Kreis als Erben des Reichs zu küren, nachdem sie den einzigen Sohn des Königs, der vor vielen Jahren mit Weib und Kind in der Fremde verschollen war, für tot erklärt hatten. »Das gilt uns gleichviel«, sagte einer der Bauern, »nur Die aus königlichem Blut haben den Erntesegen, und unter den Baronen ist nicht einmal ein Bastard.« Der Wirt sagte nichts. * * * * * Der Sommer machte die Dinge nicht besser. Die Baronien waren zerstritten. Tatsächlich war der alte König im Frühjahr gestorben, wie man sagte an Altersschwäche und Herzeleid, doch nicht, ohne vorher den Kronrat verpflichtet zu haben, mit allen Kräften nach dem verschollenen Prinzen zu suchen, ehe die Adeligen einem neuen Herrn den Treueid leisteten. Geholfen hatte es wenig. Ein halbes Menschenalter nach dem Verschwinden des Prinzen wollten die Barone nicht länger warten, und im Kronrat rieten Viele wegen der Unsicherheit der Suche ganz davon ab. Doch ohne den Königssegen lagen an manchem Ort die Felder brach, und dort, wo man sie bestellt hatte, fielen die Erträge mager. Der Herbst brachte zum ersten Mal seit vielen Jahren Not. Einzig im Dorf unterhalb des Passes stand zur Erntezeit hoch und golden Korn, zum Neid aller Nachbarn, und das, obwohl sich auch hier die Bauern nur widerstrebend zur Aussaat entschlossen hatten. Dies kam zuletzt auch dem mächtigsten unter den Baronen zu Ohren, der über den Sommer durch Drohungen und Versprechen bereits weite Teile des Reichs an sich gerissen hatte. Die Dörfer vor dem Pass und im Andertal waren bisher seiner Aufmerksamkeit noch entgangen, aber jetzt rückte Kriegsvolk in die Berge ein. Und so kam es, dass das Dorf vor dem Pass mitten in einer kalten Nacht seinen neuen Herrn sah, einen noch jungen, ernsten Mann in schlichter Kleidung. »Sage Er mir, wie es kommt, dass dieses Dorf nicht hungert, wie sonst alle anderen, Wirt!« sagte der Baron und besah Blonde im Nachthemd aus schmalen Augen. Die hatte der Wirt aus dem Schlaf gerissen, dem Neuen Herrn den Willkommenstrunk zu kredenzen. »Herr, wir wissen es nicht«, sagte der Wirt. »Nun, das Wunder wird sich aufklären lassen«, sagte der Baron. »Wer ist dieses Mädchen?« »Dies ist unsere Blonde«, sagte der Wirt, und die Wirtin fiel schnell ein: »Ein Findel ist sie.« Der Baron lachte. »Nun, die Absicht war löblich«, sagte dieser ahnenstolze Herr, »nur gehe ich nicht darauf ein. Gebe Er mir seine eigene Tochter, Wirt, so Er eine hat. Der Edle mischt sein Blut nicht mit dem Bankert. Diese bleibe den Knechten! Aber erst bringe Sie Allen Wein.« Im Hof des Wirts führten Reisige Ochsen zum Karren, andere schleppten Säcke mit Korn. Im Torweg zur Strasse standen schweigend die Bauern. »Komm, Blonde«, sagte der Wirt. Er schickte sie in den Keller zum grossen Fass und kam selbst kurz darauf nach, mit Blendlaterne, Schuhen und Gewand. Dann hob der Wirt die Bretter der Einstiegsluke aus dem Fass. Dahinter gähnte es kalt und schwarz. »Nimm diesen Ring«, sagte der Wirt, »gib ihn dem Herrn Vetter oben im Wald. Er hat dich gefunden, in dem Jahr als der Kaufmann starb, und auf meinen Rat in den Wall gesetzt. Und nun flieh, Blonde, flieh!« * * * * * Lange erfuhr niemand im Tal, was in jener Nacht im Dorf geschah, weil einzig Blonde entkam. Aber die sah und hörte nichts. Sie fand hinter dem Fass einen Gang in einen noch tieferen Keller unter dem Wirtshaus und dahinter eine ziemlich grosse Höhle. Darin ging es in vielen Treppen unter der Erde tatsächlich bis hoch oben in den Wald, in eine zweite grosse Kammer. Dort sass der Herr Vetter mit einem Licht. »Die Pest über alle Barone«, sagte dieser ehrenwerte Verwandte des Wirts, nachdem ihm Blonde berichtet hatte. Er setzte Nussblättersud zum Feuer, hiess Blonde Kopf und Haare damit zu waschen. Davon wurde die Blonde ziemlich braun. »Du heisst ab jetzt Rose, der Anderbauer sucht eine Magd. Will er dich nicht gleich, kriegt er dafür Schnaps. Bei mir im Wald ist es nichts für dich und besser kann ich es nicht richten. Doch sei auf der Hut. Der Bauer weiss nichts von meinem Gewerbe und soll es auch von dir nicht erfahren.« Waren aller Art standen kunterbunt den Gang entlang vor dem Höhlentor, aber auf diesem Weg führte der Vetter Blonde nicht aus dem Berg. Sie musste wieder zurück, die Treppen hinunter und auf halber Höhe im Wald hinter dichtem Gebüsch aus einem Seitenloch. Von dort ging es über einen Hohlweg auf die Fuhrmannshöhe und über den Pass. »Ja, ja, es ist ein beschwerliches Leben«, sagte der ehrenwerte Herr Vetter unterwegs, »die Büttel hetzten Hunde auf Unsereins und im Wald ist es kalt. Du bist eine anständige Jungfer und darfst mich und meine Männer Räuber und Schmuggler nennen. Aber das mit deinem Vater waren wir nicht.« »Ich weiss nichts vom Vater«, sagte Blonde betrübt. »Hat dir der Wirt nie davon erzählt?« Gerade da sprengten Reisige heran, hielten den Vetter und Blonde auf. »Woher und wohin?« »Meine Tochter geht als Magd zum Anderbauern. Ich selbst bin aus Wiesen gebürtig und bringe sie hin«, sagte der Herr Vetter und Blonde knickste. »In Wiesen war der König nie. Und aus dem Dorf fehlt uns nur noch die Blonde. Lassen wir also Die hier gehen, obwohl sie ein hübsches Stück ist. Dem Baron fehlt die Zeit«, sagte der eine der Reisigen dem anderen. »Das war knapp, aber du hast dich gut gehalten«, sagte der Vetter des Wirts, »was nun deinen Vater betrifft, den fanden wir schon halbtot. Aber ein Kaufmann war der nicht. Doch haben wir jetzt dafür keine Zeit. Was der Reisige gesagt hat, gibt mir zu denken. Ich muss sehen, was aus dem Vetter Wirt geworden ist.« * * * * * Der Vetter des Wirts brachte Blonde noch ins Andertal. Dort reichte die Ernte in jedem Jahr schlecht und recht, aber solange Niemandskind auf dem Hof den Brotteig knetete, und das war den ganzen harten Winter lang, weil der Pass keinen Tag nach ihrer Ankunft einschneite, holte die Bäuerin aus der gleichen Menge Mehl mehr Brot in den Ofen. »Rose, du hast den Backsegen«, sagte die Bäuerin und beredete den Bauern zu schweigen, obwohl Blondes nussbraunes Haar mit jedem Waschen Farbe verlor und schon lange vor Mittwinter wieder reifem Korn glich. »Trotzdem kann sie nicht bleiben«, sagte der Bauer ,»sobald das Wetter mich lässt, gehe ich ins Tal. Erfahre ich, was ich denke, muss sie vom Hof.« Auf dem Pass lag der Weg brusthoch unter Eis, aber der Bauer ging nach dem nächsten Neumond trotzdem. Er sagte nur wenig, als er nach vier Tagen zurückkam. »Du kannst bleiben, Blonde. Es ist gut.« Später, und nachdem ihm die Bäuerin gehörig zugesetzt hatte, sagte er mehr. »Das Dorf ist verwüstet. Ich habe in der Mühle am Fluss mit dem Knecht geredet. Er sagt, der Baron habe Alle wegführen lassen, um an ihnen im Frühjahr den Königssegen zu prüfen. Wie das nun gehen soll, weiss ich nicht. Vielleicht ists auch zu spät. In den Speichern der Stadt verfault das Korn. Aber nach Blonde wird keiner mehr suchen. Wenn mich meine Augen nicht täuschen, habe ich im Tal ein Einhorn gesehen.« »Dann ist Hoffnung!« rief die Bäuerin und klatschte vor Freude in die Hände, »du kennst doch den alten Spruch: ein Einhorn für die Jungfer Königin
Seit Menschengedenken hat man keines der Königstiere mehr gesichtet. Aber wenn im Tal tatsächlich ein Einhorn grast, dann hat der König, so alt wie er war, vor seinem Tod noch eine Tochter gezeugt. Sie muss im Dorf gelebt haben.« »Trotzdem ist es nicht gut«, sagte der Anderbauer, »der Baron hat sich endlich von seinem stummen und halbirren Weib geschieden. Die Unglückliche hat ihm zwei Söhne geboren, aber er hat die Kinder zu Bastarden erklären lassen, und will nun gewiss die Königstochter heiraten.« »Aber sie kann doch noch ein kleines Mädchen sein!« »Umso schlimmer für uns Alle.« * * * * * Über Nacht wurde das Wetter mild. Ringsum in den Bergen häufte sich noch der Schnee, aber die Felder des Anderbauern lagen bald frei und einen Mond später zeigte sich die junge Wintersaat schon grün. Der Bauer schritt seine Äcker ab und schüttelte den Kopf. Der Erde dampfte. »So zeitig hat das Korn noch nie gekeimt«, sagte er zur Bäuerin, »Frieden dem Toten. Vielleicht, dass der Erntesegen der neuen Königin weiter reicht, als der unseres alten Herrn.« »Still!« sagte die Bäuerin leise, »sieh nicht zu auffällig zu ihr hin. Dort im Waldschatten hinter Blonde steht Etwas.« Blonde sass auf dem Hütestein in der Wiese hinter dem Hof, um sich die Gänse, und spann. Die Spindel tanzte emsig. Niemandskind bemerkte das Leuchten des weissen Einhorns am Waldrand nicht. »Das kann sich hierher verirrt haben«, sagte der Bauer. Aber am nächsten Morgen grasten es schon zwei Einhörner auf den Wiesen des Anderbauern, und am Nachmittag waren es vier. »Sie werden uns die Haare vom Kopf fressen«, sagte der Bauer halb im Scherz, doch von da an ging er täglich zum Pass und hielt Ausschau. Die Reiter kamen, als das Korn im Andertal blühte. Sechzehn Einhörner standen auf den Wiesen. Der Baron sagte Blonde honigsüsse Worte und legte ihr sich und seine inzwischen beachtliche Macht zu Füssen. Aber Blonde weigert sich, seine Werbung überhaupt anzuhören und am anderen Tag kamen die Reisigen und der Kronrat und setzten den Baron fest. Der Wirt hatte unter der Folter gestanden, dass der angebliche Kaufmann, den er vor Jahren bis zum Tod gepflegt hatte, unter der Kaufmannskleidung Ring und Siegel eines Prinzen getragen hatte. Aber beide, der Wirt und sein Vetter, hatten noch auf dem Schaffott geschworen, dass sie den Sohn des Königs schon halbtot gefunden hätten und dass treulich für des Toten kleine Tochter gesorgt worden war. »Was musstet Ihr sie töten!« sagte zornig die junge Blonde. »Aber hört doch weiter, Herrin!« bat der Kanzler, ein schon sehr alter, weissbärtiger Herr, der von der Anstrengung der Reise und der dünnen Luft im Andertal ganz kurzatmig war. »Möglich, dass Ihr Gnade vor Recht hättet ergehen lassen. Dennoch waren beide Galgenvögel und haben ihr Schicksal mehr als verdient. Schon, was uns der Wirt an Steuer für den Schnaps nicht gezahlt hat! Lasst mich erklären. Der Räuber sagte vor seinem Tod aus, dass er nach dem Überfall auf den Prinzen mitangesehen habe, wie Reisige in den Farben des Barons die Prinzessin, Eure Mutter, weggeschleppt hätten und als sie schrie, hätten sie ihr die Kehle zugedrückt, bis sie nicht mehr reden konnte. Wie Ihr vielleicht wisst, oder auch nicht, war der Elende nach seiner Rückkehr von der Suche nach dem Prinzen in Begleitung einer stummen Schönen, die er bald darauf zu seiner Gattin machte. Er hat sie nun verstossen, da er Euch zu ehelichen hoffte. Euch, die Tochter jener Unglücklichen, denn die arme stumme, halb verrückte Dame ist in Wahrheit Eure Mutter.« Der Kanzler liess Blonde Niemandskind in Samt und Seide kleiden und führte sie in einer Sänfte mit sich fort. Sommer und Herbst vergingen, ohne dass man im Andertal aus der Stadt etwas von ihr hörte, und der Winter war hart. Doch endlich hatte das Wetter ein Einsehen. Im Schatten der Hecken lag hier und dort noch Schnee, aber mittags ging die Luft schon lau und draussen vor dem Dorf hatten die Männer angefangen, das geweihte Feld zu eggen. Den anderen Tag ritt Königin Blonde über Land.
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