LiGA DER UNVERÖFFENTLICHTEN AUTORINNEN
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Stefanie Bense |
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Sie strich über ihre Haare und ein paar fahle Strähnen hafteten elektrisiert an den Fingern. Als sie noch zusammen wohnten, hatte sie sich an ihn gelehnt, und er hatte Hand um Hand über ihren damals erdbraunen Schopf gestreichelt, manchmal so lange, bis sie eingenickt war. Anfangs hatte der Schlaf zu ihr nicht kommen wollen. All die Geräusche, niemand hatte ihnen gesagt, daß es so viele Geräusche im Schiff gab. Aber wenn sie sich an ihn lehnte, war sein Herzschlag immer das lauteste gewesen, ein friedliches, gleichmäßiges Pochen, und das hatte sie beruhigt. Sie nahm den Rasierer. Zuerst fielen die Strähnen, dann rasierte sie die Stoppeln, bis ihre helle Kopfhaut zu sehen war. Die Mähne am Boden trat sie in eine Ecke des Raumes, wo Maschinen sie beseitigen würden. Es gab immer eine Maschine, die dafür sorgte, daß alles blieb, wie es sein sollte. Ein sanftes Klingeln rief. Sie legte den Rasierer beiseite, warf sich auf die Liege und zählte bis einhundertzwanzig. Das Klingeln erscholl wieder. Nach zwei Minuten zum dritten Mal. Sie seufzte, kämpfte sich von der Liege hoch, trat auf den Korridor und schlenderte in Richtung Brücke. Der erste Pfeifton klang auf, beim zweiten stand sie an der Messe, den dritten hörte sie vor dem Brückenschott. Sie wartete. Er würde schon drin sein und mit seinen Fingern auf die Abdeckung trommeln. Jetzt brummte es schnarrend durch das Schiff, der Boden vibrierte. Dieser Laut konnte Tote wecken. Aber noch waren sie nicht tot. Alt ja, aber nicht tot. Sie stand weiter vor dem Schott. Das zweite Schnarren ließ ihre Zähne klappern und hörte nicht wieder auf. Sie ging hinein, sah, wie er die Stirn unter seinem Grauschopf runzelte, seine Lippen bewegte, aber sie konnte nichts hören, das Dröhnen war zu laut. Sie trat zur Konsole und steckte ihre Hand in den Taster. Zu Anfang ihrer Reise hatte sie gemeint, ein feines Kribbeln dabei zu spüren, aber das hatte sie sich nur eingebildet. Völlig berührungsfrei scannte das Schiff sie beide, stellte fest, ob alles war, wie es sein sollte, und überließ ihnen dann die Kontrollen für eine weitere Periode. In das Okay-Zeichen hinein brummte er: "Was hast du mit deinen Haaren angestellt? Und warum kommst immer so spät zum Check?" Statt ihn anzuknurren wie sonst, ignorierte sie ihn einfach, drehte sich um und ging. Er blieb sitzen, knetete die Finger und starrte die Bildschirme an. Erst als sie mittags Gemüse aus dem Biotop in die Messe schaffte, begegnete sie ihm wieder. Er löffelte Proteinbrei, den der Autokoch lieferte, und biß zwischendurch in einen Apfel. Beide vermieden es, sich anzusehen. Sie putzte einen Teil des Gemüses, blanchierte und teilte ihn in Portionen, um sie einzufrieren. Vom Rest kochte sie sich ihre Mahlzeit, während er mit dem Spülen herumtrödelte. Als sie gegessen hatte und er nichts mehr zum Aufräumen fand, holte er ein kleines Paket hervor und schob es auf den Tisch: "Ich dachte, naja, weil doch heute dein Geburtstag ist ..." Sie starrte ihn an, kannte diese Falten um seine Augen, wenige für seine hundertvier Jahre, dieses Lächeln, das seit Monaten darum bat, sich wieder zu vertragen, kannte diese verlegene Art, die ihm seine Hände in die Hosentaschen zwang. Alles so vertraut. Alles so fremd jetzt. Das Päckchen lag zwischen ihnen. Ihre Finger spielten mit dem Ehering. "Wenn du es nicht möchtest ..." Mit knappen Bewegungen riß sie die Verpackung auf, öffnete die Schachtel und hielt Metall in den Händen. "Eine Maschine." "Ein historisches Schiff, ein Raddampfer, genau genommen. Man kann da Wasser einfüllen, hier anschalten und dann fährt es auf dem Teich. Ich habe ihm einen Namen an die Bordwand gemalt." Am Bug stand ?Mississippi-Arche? in winzigen Lettern. Er nahm die Finger aus den Taschen und knetete sie einzeln durch, und sie brachte nur heraus: "Was ist ein Mississippi?" "Das ist ein Strom der alten Erde, ein großer Fluß, naja, oder war einer, jedenfalls steht das so in der Datenbank." Sie stand auf, zögerte, nahm den Dampfer und drehte sich am Schott um. Sein Lächeln tat weh. Ihre Finger schlossen sich um das kleine Schiff, und es fühlte sich kalt an. "Danke." Auch das Wort fühlte sich kalt an. Er nickte. "Willst du es nicht ausprobieren?" Und sie verstand ?Wollen wir nicht wieder miteinander reden?? "Später." Sie trat hinaus. "Vielleicht heute abend. Im Biotop." Mit dem Spielzeug in der Hand rannte sie zur Wendeltreppe, die Stufen hinunter, ein Lastenaufzug verbraucht zuviel Energie, nur um Menschen zu transportieren, also die Treppe runter, eine Treppe im Raumschiff, lächerlich, aber man gewöhnte sich dran, vielleicht hatte es so etwas ja schon in einem Raddampfer gegeben. Dann fand sie sich vor dem Biotop-Schott wieder, kickte ihre Stiefel von den Füßen und trat ein. Das Fesselfeld, das die Tiere vom Schott fernhielt, kitzelte, bis sie durch war. Am Bach ließ sie sich ins Gras fallen und lauschte dem plätschernden Wasser. Zwischen den Bäumen summte und zwitscherte es, ein Spatz flatterte heran und wieder davon, als sie sich nicht rührte. Es roch nach Erde und Blumen, nach nassen Steinen und Wärme auf der Haut. Hier war alles lebendig, sie auch, alles gehörte zusammen und ergab sich auseinander. Das Ökosystem bildete eine eigene Welt, ihre Welt, fast so groß wie seine, die aus den Maschinen des Schiffs bestand. An einigen saß er jetzt bestimmt, drückte Tasten, betrachtete Bildschirme und taxierte, rechnete, errechnete und optimierte den Kurs, soweit er sich überhaupt bei einer als endlos geplanten Reise bestimmen ließ. Für ihn mochte das Biotop nichts weiter als ein Versorgungsbaustein bedeuten. Sie blickte auf die Maschine in ihrer Hand, ließ sie zu Wasser,
und die Strömung schwemmte sie fort, ohne daß Dampfantrieb nötig
war. Ein Fisch schnappte danach. An einem Stein geriet das Schiff ins Trudeln,
drehte sich, kippte und sank, dennoch riß der Bach es weiter. Irgendwann
würde der Kreislauf es hier wieder anspülen oder mittwärts
an das Teichufer setzen. Sie grub die Finger ins Gras und träumte
vor sich hin.
"Weißt du noch? Wir haben das Raumschiff ?Arche? genannt und dies hier unser ?Paradies?." "Ich weiß", sagte sie, "wir waren jung und verspielt." "Und glücklich! Vermißt du das nicht auch?" Sie antwortete nicht. Anfangs war alles neu gewesen, aufregend, zum Glücklichsein und so leicht zu teilen. Dann hatten sie sich eingerichtet, die Aufgaben waren zu Routine verkommen und die Entdeckungen zu Datensammlungen, die kopiert und in Bojen ausgesetzt wurden, die langsam zur Erde zurücktrudelten. Ein Strom endloser Punkte, endloser Datenreihen. Eines Tages hatte sie im Labor an Mikroben-Spezifikationen gesessen und sich gefragt, was sie hier eigentlich machte. Aber es gab kein Zurück. Und schließlich hatte sie gewußt, auf was sie sich einlassen würde, hatte ihn geliebt und geheiratet und war mit einem Schiff aufgebrochen, das nie zurückkehren sollte. Ein Kaninchen und drei Junge hoppelten vorbei. "Nicht ganz Arche", sagte sie und legte eine Hand auf ihren Bauch, "alles paarweise, ja, aber die Tiere pflanzen sich fort, und wir sind steril." "Die Entdeckungen und Daten sind wichtiger als Kinder." "Man kann eine Entdeckung nicht in den Arm nehmen." Er schwieg. Einander zu umarmen, war nur für ein paar Jahrzehnte
die Lösung gewesen. Sex für nicht viel mehr. Doch beide hatten
gewußt, daß es um Forschung ging, wobei Kinder höchstens
hinderlich waren, und nicht um Kolonisation. Beide hatten sich einverstanden
erklärt, weitab von anderen zu leben, um zu erforschen, ob die Menschen
wirklich die einzige Rasse im Weltall waren, und weitab von anderen zu
sterben.
"Wie kannst du das sagen?" "Wir haben achtzehn Planeten untersucht, davon hatten sechs ideale Bedingungen, um intelligentes Leben hervorzubringen. Und was haben wir entdeckt? Totes Gestein, nur zwei Welten mit Wasser und ein paar Mikroben." "Vielleicht entwickelt sich das Leben dort erst, vielleicht haben andere Frann-Teams mehr aufgespürt als wir, vielleicht ..." "Vielleicht ist das Ganze bloß ein Wunschtraum - " "Aber wir sind kein Traum!" " - oder Alptraum. Hast du schon mal darüber nachgedacht, ob nicht die ganze Frann-Team-Konzeption mit je einer Frau und einem Mann als Besatzung ein Fehler ist?" "Ich verstehe dich nicht, wir haben uns, die Arche und das Paradies." "Ja, du hast deine Maschinen, und ich habe mein Biotop, und wir haben unsere Aufgaben und uns aus der Gemeinschaft gelebt." Sie stand auf, ließ ihn sitzen und schlenderte am Bach entlang. Die Kaninchen verschwanden in ihrem Bau, die Vögel suchten Plätze in den Bäumen auf, die Automatik dämpfte langsam das Licht und leitete die Nacht ein. Als sie wieder an den Platz kam, wo sie ihn zurückgelassen hatte, war er gegangen. Sie beschloß, die Nacht im Garten zu verbringen, lehnte sich an einen Stein und schaute in die trübe Mindestbeleuchtung. Schade, daß die Sterne außerhalb des Schiffsrumpfes leuchteten und nicht hier drin. Zum Frühstück pflückte sie Obst, als er auf einmal hinter ihr stand. Sie hatte nicht gehört, daß das Schott sich öffnete. Er nahm ihr schweigend einige Früchte ab, trug sie mit in die Messe und half, Obstsaft und -salat zuzubereiten. Das Essen verlief, ohne daß jemand etwas sagte, und während beide aufräumten, klingelte es. Der Schiffscomputer setzte diese Checks in unregelmäßigen Abständen an, allerdings kam es nur selten so kurz hintereinander vor. Sie zuckte die Schultern, mochte sein, daß sie zu oft erst mit dem vorletzten oder letzten Warnton aufgetaucht war, und das Schiff daraufhin strenger kontrollierte. Sie gingen zur Brücke, reichten in den Taster und ließen sich scannen. "Ich werde heute eine neue Boje auswerfen", kündigte er an, und sie nickte, "da sind die Daten von dem Mikrobenplaneten drauf." "Wenn ich Zeit habe, schaue ich mal nach den Proben. Wann erreichen wir das nächste Ziel?" "Wahrscheinlich in vier Wochen", antwortete er. "Hast du eigentlich den Raddampfer fahren lassen?" Sie nickte wieder. "Vielleicht magst du?s mir heute nachmittag zeigen?" Beide verließen die Brücke, wobei er die Richtung zum Bojendeck nahm, sie zum Labor. Mehr als drei Monate hatte sie hier nichts getan, also sortierte sie Präparate, packte Bojencontainer, brachte Protokolle und Statistiken auf Stand. Sie ließ eine Probe im Isokasten fallen, als der Alarm losging. Hastig zog sie die Hände aus den Greifern und schaute auf den Bildschirm. Das Terminal meldete ein Außenschott, das nicht mehr schloß, auf dem Bojendeck. Sie rannte hinunter, stürmte an Innenschotts vorbei, drei, vier, die Kammern dahinter leer, fünf, sechs - da! Die Kontrolleuchte des Schotts blinkte. Der Wartungskanal stand offen. Ein Raumanzug fehlte beim Rüstzeug. Sie schaute in den Kanal. Jemand hatte versucht, Außenschottsteuerung und Bojenverankerung manuell zu schalten. Sie fand den Überwachungsschirm, überprüfte die Bojenkammer. Eine Boje hing am Außenschott, halb aus der Verankerung gekantet, und blockierte das Schott. Dann sah sie die Sicherheitsleine. Er war da draußen. Er mußte versucht haben, die Boje zu lösen, und die hatte ihn mit hinausgerissen. Sie raste zum nächsten Rüstzeug, griff nach dem Raumanzug, bis ihr klar wurde, daß sich das Innenschott niemals öffnen würde, solange das Außenschott noch sperrte. Sie rannte zum nächsten Doppelschott am Ende der Sektion und verriegelte es. Wieder am Innenschott stieg sie in den Raumanzug und zwang sich, den Schließcheck ganz genau durchzuführen. Sie verhaspelte sich, atmete durch und fing von vorn an. Ihr Ehering klackte gegen die Verschlüsse. Dann klinkte sie die Sicherheitsleine ein, hielt sich fest und öffnete das Innenschott. Ohne Laut, aber mit Gewalt zischte die Luft aus dem Gang. Aus dem Wartungskanal schwirrte ein Werkzeug und knallte neben ihr an die Wand. Sie hatte vergessen, den Kanal zu schließen. Behutsam tastete sie sich in die enge Kammer vor und kam kaum zwischen Boje und Wand durch. Seine Sicherheitsleine hatte sich im Ankergelenk verfangen und klemmte in Schlingen fest. Endlich konnte sie einen Blick nach draußen werfen. Er hing an der Leine und drehte sich um sich selbst. Bewußtlos oder tot. Sie schaltete das Kom ein und rief seinen Namen. Er antwortete nicht. Sie rief und rief, bis ihr Mund trocken wurde. Er drehte sinnlose Pirouetten. Sie schluckte, wagte es nicht, über die Boje zu klettern, konnte aber auch nicht daran vorbei. Mit fühllosen Fingern zerrte sie an seiner Leine, versuchte sie aus dem Gelenk zu befreien. Ein Ruck schlug sie gegen die Wand, sie verlor den Halt und taumelte Richtung Innenschott. Die Boje kippte, knirschte unhörbar über das Außenschott und fiel. Fiel weg vom Schiff, weg von ihr und riß ihn mit sich. Als das Schiff sich etwas drehte, sah sie, wie die Boje davonschleuderte und ihn an der Leine hinter sich herzog. Dann zündeten die Düsen, richeten die Boje aus und jagten sie Richtung Erde. Sie beobachtete, wie ihr Feuerstrahl kleiner und kleiner wurde, solange die Boje noch im Ausschnitt des Schotts zu erkennen war. Irgendwann würde das Feuer erlöschen und die Boje, einmal in Schwung gebracht, würde auf die Erde zustürzen, den Mann im Schlepptau, bis beide vielleicht von einer Station oder einem Raumer aufgefangen wurden. Eine Weile klammerte sie sich an ihre Leine, lauschte dem heftigen Atem in ihrem Helm. Das einzige Geräusch jetzt. Dann zog sie sich langsam zum Innenschott zurück, die ausgefranste Sicherung seiner Leine hing neben dem Schott, hangelte hindurch, schloß es, schloß auch das Außenschott, das nun ohne Widerstand zuging. Das Schiff registrierte es und flutete den Gang wieder mit Luft. Sie wühlte sich aus dem Anzug, warf ihn fort, öffnete das Doppelschott und rannte, lief, rannte, bis sie sich im Garten wiederfand. Sie keuchte immer noch, nur allmählich beruhigte sich ihr Atem. Nicht weit gluckerte der Bach, Vögel zwitscherten und Insekten zirpten, und er war tot. Flog an eine Boje gebunden durch das All. Selbst wenn er noch lebte, er war so gut wie tot, denn sie hatte keine Möglichkeit, ihn wieder ins Schiff zu holen. Sie setzte sich auf. An der Böschung hing mit Schlagseite der kleine Raddampfer. Sie angelte danach und schüttelte das Wasser heraus. Sie zog ihren Ring ab und legte ihn hinein. Jetzt war sie im Garten allein. Und mit den Maschinen. Diese Periode bis zum Check mochte länger sein als die vorige, es blieb sich gleich, irgendwann übernahm das Schiff die Kontrolle. Sie wußte nicht genau, was dann geschah. Vermutlich kehrte es um, damit die Daten nicht verloren waren, und versuchte, zur Erde zurückzugelangen, solange es sich selbst versorgen konnte. Vielleicht flog es aber auch in alle Ewigkeit weiter. Sie legte sich ins Gras, kicherte, lag im Paradies und beschloß, nicht wieder aufzustehen. Es war gut so.
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