Plejades


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Bienen


Vielleicht klingt das komisch. Aber ich liebte meine Frau von dem Augenblick an, als sie mir ihren Namen nannte. Dabei hatte ich sie zu den Zeitpunkt noch nicht einmal richtig gesehen. Sie steckte in einen Schutzanzug.

Ich vermute, nein, ich bin mir sicher, dass wir beide gleichermaßen erschraken. Besucher aus dem Ganz Weit Draussen tauchten schliesslich nicht jeden Tag bei den Schafbauern im hintersten Wald auf. Doch ich sollte unsere Geschichte vielleicht besser mit dem Anfang beginnen.

Ich war damals vor vier Jahren den ganzen Tag unterwegs gewesen. Ziemlich frustriert, ebenso müde, wie hungrig und kurz davor, meine Suche aufzugeben. Drei von vier Anbietern hatten meine Vorgaben als unerfüllbar abgelehnt. Der Vierte hatte die üblichen Witze gerissen.

Frage: Was schenkt man Shiva zum Geburtstag?
Antwort: einen Wollpullover.

Es war natürlich überhaupt nicht witzig, oder zumindest konnte ich nicht darüber lachen. Nicht mehr an diesem Tag. Ich wartete noch, bis dem Mann das Grinsen im Gesicht gefror. Dann zog ich den Kopf ein, damit ich nicht an den Türrahmen stieß, drehte mich um und ließ ihn einfach stehen.

Ich wusste schon aus früheren Erfahrungen, dass uns die Züchter auf dieser schönen Welt ihre Wolle zwar bereitwillig verkauften - zu horrenden Preisen - unsere Wünsche bezüglich Vorbehandlung des Rohmaterials jedoch als schlechten Scherz betrachteten. Mittlerweile sind die Dinge besser geworden, auch dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit meiner Frau. Aber damals, vor vier Jahren, musste ich lügen, wenn ich Wolle wollte.

So hatte mir auch typischerweise keiner der vier Farmer dieses Nachmittags eine Probe angeboten. Ich hatte ihr Zeug gefälligst ohne Test zu nehmen und damit basta - oder ich konnte besser gleich vom Hof verschwinden.

Dementsprechend war ich ziemlich deprimiert, als ich weiterfuhr und vielleicht hätte ich das Haus hinter der Wiese sogar übersehen. Es lag ein wenig verdeckt zwischen Obstbäumen, schon halb im Schatten am Hang. Aber dann hörte ich die Schafe.

Schafe, das hiess Wolle. Ich hatte an diesem Tag keinen einzigen Abschluss erzielt und ich hasste es und hasse es noch, erfolglos nach Hause zu kommen. Ausserdem war ich elend hungrig. Ich hielt also an.

Als ich ausstieg, erreichten mich der Honigduft und das Summen der kleinen Schwestern. Ich ging Beidem nach. So lernte ich Biene kennen.

Sie stand gebückt vor dem offenen Stock, als ich um die Ecke ihres Bienenhauses bog und drehte mir dabei den Rücken zu. Ich erkannte den Schutzanzug und den Helm in ihrem Outfit deshalb nicht gleich. Ausserdem hatte ich für den Augenblick völlig vergessen, dass auch diese schöne Welt schon lange vom interstellaren Tourismus überrollt worden ist. Schliesslich befand ich mich in einer ziemlich abgelegenen Gegend und Exoten waren hier nicht unbedingt zu erwarten. Noch dazu keine Fremdatmosphärenatmer.

Kurz, wir machten beide einen Satz rückwärts. Biene war einfach nicht auf meine Größe vorbereitet und mich verblüffte der Schutzanzug. Bis ich begriff, dass die Person darin vermutlich doch genau wie ich Sauerstoff atmete. Bienes Helm stand offen. Allerdings quoll aus ihm Rauch.

Meine künftige Frau rauchte eine Imkerpfeife.

Sie dürfen mich übrigens ruhig Shiva nennen. Es macht mir wirklich nichts aus. Ich halte es nicht für ein Schimpfwort, obwohl es von den meisten Menschen als solches benutzt wird. Es ist mir sogar eine Ehre. Nicht jedes Volk wird nach einem Gott benannt, auch wenn der Grund offensichtlich ist. Wir gehen aufrecht, aber wir haben vier Arme. Zumindest theoretisch, denn unsere mittleren Extremitäten dienen rein sozialen Zwecken.

Wir sind intelligente Insektoide.

Und ganz normal reden können wir im Gegensatz zur vorgefassten Meinung auch. Ich bin nicht taub, was oft behauptet wird. Unter Shivas läuft Kommunikation natürlich ein wenig anders, als hier auf der Erde, wo Gespräche von der Stimme dominiert werden. Menschen haben keine Kopffühler und - Verzeihung - einen so miserablen Geruchssinn, dass von Riechen eigentlich schon gar nicht mehr die Rede sein kann.

Ich muss mich also auf einen Teilbereich beschränken, wenn ich mich mit Menschen verständigen will, was naturgemäß eine gewisse Verarmung nach sich zieht. Ich spreche mit Biene oder Ihnen, indem ich die Unterarmschienen meines mittleren Armpaars gegeneinander reibe.

Ja, aber bitte. Wenn Sie das glücklich macht, dürfen Sie mich gerne mit einer Grille vergleichen.

Sie finden, zumindest meine schillernden Facettenaugen gleichen eher denen einer Libelle? Das ist sehr nett gesagt.

Ja, ich sehe ausgezeichnet, danke der Nachfrage. Wenn auch nicht ganz in dem Spektralbereich, den Menschen nutzen. Weiter ins Ultraviolette hinein. Ich höre auch höhere Frequenzen als Sie. Menschenohren reagieren nur auf meine tiefste Töne. Aber darauf kann ich mich einstellen. Das ist reine Übungssache. 

Namen? Außer Shiva, meinen Sie? Nein, Namen in dem Sinne haben wir nicht. Oder zumindest ist das, was wir im gleichen sozialen Kontext dafür einsetzen, für menschliche Sinne nicht vollständig erfahrbar. Wir sind unser Aussehen, unser Geruch, nur zum Teil das, was Sie als meine Stimme betrachten.

Vielleicht verstehen Sie jetzt, dass es mich damals unwiderstehlich zu Biene hinzog. Sie war mit dem Schutzanzug, ihrer Stimme und ihrem Namen, sogar mit ihrer Körpergröße und dem Honigduft aus dem Bienenstock die Summe einer Gefährtin. Alles zusammen machte mich an.

Natürlich sagte ich ihr das nicht. Um Gottes willen! Auch das ist ein weiteres Vorurteil. Als ob Außerirdische grundsätzlich wild auf Sex mit Menschen wären! Wir Shivas sind keine Wilden. Außerdem lässt unsere Fortpflanzungsstrategie Exzesse, wie sie unter Menschen gelegentlich vorkommen, überhaupt nicht zu. Eine Vergewaltigung ist für mich völlig undenkbar. Wir beschnuppern uns vorher sehr gründlich. Meine gesamte Familie hätte Biene beschnuppert. Hat sie beschnuppert.

Jedenfalls darf ich Ihnen versichern, dass es an Bienes und meinem ersten Abend nur um Wollqualität und Preise ging. Die Herde, die zum Hof meiner heutigen Frau gehörte, bestand damals aus nicht mehr als einigen Mutterschafen mit ihren Lämmern. Eigentlich viel zu wenig, selbst wenn ich nur meinen durchschnittlichen Monatsbedarf gerechnet hätte. Aber die Tiere waren ein guter Vorwand, das Gespräch mit ihr fortzusetzen. Und wenigstens hörte sie mir zu.

Ich hätte ihr dafür vor Freude am liebsten die Haare vom Kopf gefressen.

Sie lachte sehr, als ich sagte, das meine ich ernst.

Aber sie liess mich natürlich nicht.

Zuerst.

Erinnern Sie sich noch an den Scherz über Shivas und Wollpullover, den ich vorhin zitierte?

Sie haben ihn also nicht verstanden.

Ich erkläre es Ihnen. Wenn Sie einen alten Wollpullover haben, einen der Ihnen nicht mehr gefällt, den Sie weg geben wollten - es muss aber bitte reine Wolle sein, ohne Beimischung von Chemiefasern und nicht gefärbt - dann ...

... würde ich ihn essen.

Aufessen, mit Genus verputzen, samt den Hornknöpfen. Vorausgesetzt, Sie haben keinen Weichspüler benützt. Weichspüler macht Wolle bitter.

Wir Shivas ernähren uns hauptsächlich von Keratin. Oder Hornsubstanz, wenn Ihnen diese Bezeichnung lieber ist. Also Haare, Federn, Krallen, Hufe, notfalls Leder. Auch das.

Hautschüppchen. Kopfschuppen.

Ich liebe es, genüsslich die Körperhaare meiner Liebsten abzuzupfen, an ihren zarten Nägeln zu knabbern.

Jahrmillionen der Evolution haben uns zu Keratinfeinschmeckern gebildet. Aber auf Erden ist schon die Beschaffung des Grundumsatzes ein trauriges Kapitel. Selbst Biene, die durch unser Beziehung inzwischen an meine Ernährung gewöhnt ist, flüchtet aus der Küche, wenn ich mir Wollflocken röste. Und an unser erstes gemeinsames Essen darf ich gar nicht mehr denken.

Wir hatten uns verplaudert, Biene und ich. Bis in die Dunkelheit hinein, ohne dass ich es recht gemerkt hatte, deshalb musste ich um ein Nachtlager bitten. Ich sehe nachts nicht sehr gut. Ausserdem macht mich Nachtkühle immer etwas langsam. 

Nein, ich schlief in der Scheune. Wir hätten in Bienes Haus, so wie es damals vor dem Umbau noch stand, schlicht Probleme mit meinen zwei Metern achtzig bekommen. Ausserdem, ich sagte es schon, hatten wir wirklich nicht im Sinn, uns gegenseitig an die Wäsche zu gehen. Das wäre bei mir auch schon deshalb nicht drin gewesen, weil ich nie Kleidung trage.

Das Schillern auf meinem Exoskelett? Das ist Farbe. Wir brauchen keine Kleidung, es ist nicht Sitte bei uns. Aber ich schweife ab. Ich wollte vom Abendessen erzählen.

Der kritische Moment kam, als Biene fragte, ob und was sie mir zum Essen anbieten dürfe.

Ich sagte, nichts.

Ich war sehr hungrig. Aber ich hatte nach vier vergeblichen Versuchen und den dummen Witzen des letzten Farmers einfach nicht mehr die Nerven. Doch Biene hatte längst ihre Schlüsse aus unserem Gespräch gezogen. Sie fragte:

Möchten Sie Wolle?

Und deutete auf einen Stapel grauer Ballen unter dem Vordach zur Scheune.

Ich verputzte einen halben Sack.

Danach war mir schlecht.

Und Biene sah mir zu, wie ich mich übergab. Deutlich interessiert. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus. Biene ist Entomologin. Ihre Doktorarbeit behandelte Sozialverhalten und Ernährung von Insektenvölkern. Leider war sie damals noch nicht auf die Verdauungsstörungen von Shivas spezialisiert.

Heute wissen wir beide, wie wir damit umgehen müssen. Was hat man mir nicht schon alles vorgesetzt! Wenn ich mit meiner Frau bei euch Menschen eingeladen bin, ist das Essen meistens ein Problem. Es ist immer entweder Honig oder Hornspäne. Wenn es mir möglich ist, esse ich, was mir vorgesetzt wird. Ich will ja niemanden kränken.

Aber damals, als ich Biene kennenlernte, waren Einladungen noch kein Thema. Für mich und meine Artgenossen auf der Erde ging es schlicht ums Überleben. Niemand wusste, niemanden kümmerte, was wir als Nahrung brauchten. Bevor ich anfing, mit den Züchtern zu verhandeln, mussten wir unsere komplette Nahrung vom Mutterplaneten importieren.

Warum gerade ich zum Wolleinkauf kam? Sehr einfach. Ich habe Xenolinguistik studiert, mit Schwerpunkt Menschensprachen. Ich wollte mein Wissen vor Ort vertiefen, als ich herkam. Doch nicht halb dabei verhungern.

So kam es eben, wie es kam. Auch eine Karriere! Aber ich will mich nicht beklagen. Ohne meine Tätigkeit hätte ich meine Frau nicht kennengelernt. Ohne Bienes Hilfe wäre der Wollexport auf meine Heimatwelt nie so gut angelaufen. Wir sind inzwischen Hauptlieferanten einer Feinkostkette auf Shiva. Irdische Wolle schmeckt.

Zumindest, wenn man sie nicht ständig essen muss.

Doch, es gibt geschmackliche Varianten. Wolle ist nicht gleich Wolle. Kidmohair schmeckt anders als Angora, oder Kaschmir. Und dann kommen natürlich die Färbungen dazu, mit Pflanzen und einigen Mineralien.

Hallo Biene, gut dass du gerade kommst! Zeige unserem Gast doch bitte die Kollektion.

Hier sehen Sie - es gibt Wolle in allen Farben und Geschmacksrichtungen. Die braune ist von echten Merinoschafen, auf Salzwiesen gezogen.

Was haben Sie? Sie machen ein Gesicht ... Ach so, ich verstehe! Sie haben gesehen, dass Biene hochschwanger ist. Und jetzt wüssten Sie gerne, wer der Vater des Babys ist. Es gibt streng genommen keinen.

Ach - Sie meinen, das kann doch gar nicht sein? Gut, ich gebe zu, Ihnen das zu erklären wird etwas kompliziert. Die dominierende Entwicklungslinie auf Shiva ist insektoid. Aber es gibt bei uns auch sehr viele Säugetiere. Nur leider keine intelligenten. Die Meisten beissen und kratzen, oder sie liegen den ganzen Tag faul auf der Wiese und käuen wieder. Keine Gesellschaft, die ich gerne möchte. Trotzdem sind wir auf unsere heimischen Säugetiere angewiesen. Wir ernähren uns von ihnen. Und wir wären ohne sie längst ausgestorben.

Sie sind unsere Mütter.

Unsere Fortpflanzung geschieht parasitär.

Das hört sich für Sie nach Sodomie an? Ich habe keine Probleme damit. Wenn Sie das so empfinden, kann ich es nicht ändern. Glauben Sie, meine Leute waren begeistert, als ich ihnen Biene vorstellte? Sie akzeptierten sie als Wirt für unser Kind. Aber sich ein Säugetierweibchen als intelligentes Wesen vorzustellen, fiel meinen Schwestern schwer. Fragen Sie mich nicht, was es mich an Überzeugungsarbeit kostete.

Bei uns hat man keine persönliche Beziehung zu einer Mutter. Wie sollten wir auch.

Reden Kühe?

Na gut, es ist ein Experiment. Aber wir halten Partnerschaft ohne erfüllte Sexualität gerade zwischen verschiedenen Intelligenzen für undenkbar. Platonische Beziehungen sind zum Scheitern verurteilt. Deshalb haben Biene und ich uns auch für ein Kind entschieden. Es war sogar ihre Idee.

Außerdem haben wir unser Vorhaben mit ihrer Gynäkologin abgesprochen. Es ist wirklich ungefährlich. Unsere Kinder passen sich ihren Müttern an. Bienes Schwangerschaft verläuft völlig normal. Sie wird die Geburt meiner Tochter im Endeffekt wahrscheinlich sogar als einigermaßen angenehm empfinden. Junge Shivas sind weich wie Maden.

Sie können sich absolut nicht vorstellen, wie es zur Befruchtung kam? Kommen Sie - wir sind doch erwachsen. Waren Sie nie in einer Exoterraner-Peepshow? Es gibt keine unüberwindlichen Probleme, wenn Menschen Sex mit Nichtmenschen haben wollen. Wenn beide Teile einverstanden sind und wenn niemand dabei verletzt wird, geht keinen Dritten an, was innerhalb der vier Wände eines Schlafzimmers geschieht.

Meine Mandibeln - das, was Menschen unvornehm meine Fressmaske nennen - sind messerscharf, aber auch so fein wie Pinzetten. Ich erwähnte schon, dass ich Biene mit Begeisterung die Haare vom Körper fresse.

Sie haben es also kapiert. Vorsichtiges Kauen an der richtigen Stelle macht jeden Menschen an. Biene ist da keine Ausnahme. Und weil ich so viel größer bin als sie und sehr gelenkig, kann ich sie ohne weiteres gleichzeitig stimulieren und dabei von hinten penetrieren. Irdische Entomologen nennen das ein Kopulationsrad.

Mein Legestachel ist ein sehr guter Penisersatz. Voll ausgefahren reicht er bis tief in Bienes Gebärmutter. Sie merkte kaum, als ich mein Ei in ihr ablegte.

Wie bitte? Ach Sie dachten ...? 

Entschuldigen Sie bitte, aber es ist irgendwie wahnsinnig komisch.

Nein, nein, ich bin nicht verletzt. Ich sehe ein, dass Menschen und vor allem Männer, ganz automatisch davon ausgehen.

Natürlich bin ich weiblich. 
 



 
 

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